Die lichte Seite des Black Metal

Die wundersame Reise der norwegischen Band Ulver. Vom Black Metal über Folk, Kammermusik, Ambient bis zu Drum 'n' Bass-Dekonstruktionen. Ulver-Kopf Kristoffer Garm Rygg im Interview anlässlich ihres Livedebüts in Österreich.

Ende der 80er, Anfang der 90er formierte sich in Norwegen ein Musikstil, der in seiner Konsequenz Underground und Mainstream gleichermaßen schockierte und bis heute in seiner Radikalität ein Novum darstellt: Black Metal.

Die Protagonisten dieser neuen Musik befreiten feisten Thrash und Speed Metal von seiner verkopften musikalischen Virtuosität und setzten primär auf monotone Gitarrenriff-Mantras. Das Schlagzeug darf nur Blastbeats spielen. Der Gesang pendelt zwischen hysterischem Gekreische und gutturaler Kehlenakrobatik. Diese musikalische Radikalisierung von Metal zahlte sich bizarrerweise sogar ökonomisch aus. Black Metal vermag es in seiner simplen Form oft leichter zu stimulieren als viele andere, oft barock anmutende, Metalspielarten.

Black Metal war musikalisch für den Heavy Metal wie Punk für den Rock 'n' Roll. Ein aggressiver Vitaminstoß. Aber was dieses Genre zu einem popkulturellen Flächenbrand machte, war das radikal-glamouröse Image der neuen wilden Horde. Ikonografierte Misanthropie.

Nun kannte man das auch schon vor 1990 im Popmusikzirkus, aber Black Metal kannte keinen Spaß, keine Party, keine Kompromisse.

Bands wie Burzum, Mayhem oder Gorgoroth erarbeiteten sich mit Eifer einen übel beleumundeten Ruf. Die darstellende Gewalt wurde Realität. Das Spielen mit faschistischer Ästhetik ging weit über Provokationen hinaus. Anfang der Neunziger brannten in Norwegen Kirchen, brachten sich rivalisierende Musiker gegenseitig um, gab es landesweit eine Flut von Grabschändungen und eine breite Masse musste stöhnend erkennen, dass die martialischen Posen nicht nur pubertärer Schabernack, sondern auch bittere Realität wurden.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Count Grishnackh von Burzum ist wieder aus dem Gefängnis draußen und bestellt einen kleinen Bauernhof, Bernd Eichinger verfilmt das Leben eines Pornorappers aus dem Bravoheftl und Gorgoroth-Sänger Gaahl hat sich als homosexuell geoutet und designt an seiner eigenen Modelinie herum. Spätestens da begann der altersbedingte Haarausfall orthodoxer Black Metal- Jünger.

Aber reisen wir noch einmal zurück in das Jahr 1993. Da veröffentlicht die norwegische Band Ulver (norwegisch für Wölfe) ihr erstes Demo. Ästhetisch und zu einem gewissen Grad auch ideologisch ganz klar im gerade dahin brausenden Black-Metal-Sturm verwurzelt und doch ganz anders. Ein Jahr später verblüffen Ulver mit ihrem monumentalen Werk Bergtatt . Ulver vermählen auf dieser Platte den stoischen Riff-Fetischismus des Black Metal mit Folklore und einer Ahnung epischer Prog-Elemente.

1995 lassen Ulver mit dem akustischen Neo-Klassik-Album Kveldssanger dann überhaupt Fans und Kollegen Kopf stehen. Aber nicht nur musikalisch brechen Ulver die ungeschriebenen Gesetze des Black Metal. Auch ideologisch distanzieren sie sich von der Szene.

Für ihre Pressephotos posiert die norwegische Band in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen. Kein Corpsepaint, keine mittelalterlichen Waffen. Der ideologische Unterbau ihrer Musik ist okkult, über den spekulativen Splatter-Satanismus ihrer Kollegen wird im Hause Ulver aber zynisch gelacht.

Ulver entwickeln sich ähnlich wie die englische Band Coil zu einer nüchtern okkult interessierten Band, die ihre Musik oft nach strenger Mathematik-Magie baut. Überhaupt ist im Gesamtkonzept Ulver nur der Vergleich mit den fantastischen Zauberern Coil zulässig.

Ulver werden kontinuierlich experimentierfreudiger und verweben in ihren Werken den anarchistischen Geist von Black Metal mit vielen elektronischen Nischen wie Ambient oder Drum 'n' Bass. Und immer wieder Kammermusik. Und sogar Jazz und dann sogar HipHop-Elemente. Auch eine Kooperation mit dem österreichischen Klangmaler Fennesz findet man in der bunten Biografie von Ulver.

Erst letztes Jahr feierten Ulver ihr erstes Konzert. Die norwegische Presse schrieb über das Live-Debüt von Ulver auf dem Norwegian Festival of Literature : "Es war viel mehr als nur Musik, es war eine künstlerische Bereicherung und ein historisches Ereignis zugleich".

Diesem Urteil der norwegischen Presse kann ich mich nach dem Konzert von Ulver in der Arena Wien guten Gewissens anschließen. Eine atemlose audiovisuelle Reise die da über die Arena Wien hinwegbrauste.

Tags darauf traf ich den Kopf von Ulver, Kristoffer Garm Rygg zum Interview im Hotel Fürstenhof.

Kristoffer Garm Rygg (zündet sich eine Zigarette an, hält sich den Kopf und verdreht die Augen): Ich hatte eine absolut beschissene Nacht. Ich bin mit einem derart furchtbaren Sodbrennen aufgewacht.

Aha.

Zu viel Stress, zu viel Alkohol.

Ich verstehe. Wie viele Gigs müsst ihr denn noch spielen?

Gestern haben wir Nummer 18 hinter uns gebracht. Heute ist der erste freie Tag während der Tour. Wir bleiben bis Freitag Nachmittag in Wien und dann geht’s nach Finnland und dann nur mehr zwei Konzerte und dann kehren wir wieder in die Normalität zurück. Aber die Konzertreise war schon okay. Ein Erlebnis auf jeden Fall.

Ich war sehr überrascht als ich hörte, dass Ulver auf Tournee gehen würden. Ulver gibt es schon über 15 Jahre, aber ihr habt niemals live gespielt, obwohl ihr stetig an Musik gearbeitet habt. Was war der Grund gerade nun dieses eiserne Ulver-Gesetz zu brechen?

Es blieb uns nichts anderes über. Wir mussten. Die Musikindustrie verändert sich, die Regeln im Musikgeschäft verändern sich. Wir mussten uns entscheiden ob wir weiter Musiker sein wollen, oder uns nach einem normalen Job umsehen. Also Konzerte spielen oder normaler Job. Aber andererseits war das für mich auch eine großer persönliche Herausforderung, der ich mich endlich stellen wollte. Es war mich wichtig die Ulver-Welt auch einmal auf der Bühne darzustellen. Und das erste Konzert war dann auch tatsächlich für uns eine intensive Angelegenheit. Die Leute kamen aus der ganzen Welt, von Japan bis Mexiko. Aus Europa, aus Amerika.

Du warst wahrscheinlich nicht sehr überrascht?

Nein ich war nicht überrascht, weil...

Weil ihr seit Jahren eine Legende seid.

Ja hahaha. Es war aber auch nicht eine riesengroße Halle. Etwa für 800 Personen. Die war dann aber restlos ausverkauft. Und ich schätze mal nur etwa 30% der Besucher waren Norweger. Ich glaube es war für das Publikum genauso besonders wie für uns. Ich konnte Wochen vor dem Gig nicht schlafen. Es war ein immenser Druck den wir da spürten aufgrund der hohen Erwartungshaltung. Inzwischen ist es besser.

Und bist du jetzt am Ende der Tour zufrieden mit dem Live-Abenteuer?

Ja, ich glaube wir haben es recht anständig hinter uns gebracht. Wir haben unser Bestes gegeben. Manche Konzerte waren brillant, manche mittelmäßig, manche diskutabel. Aber das hat halt auch immer viel mit dem Live-Setting zu tun. Wie ist die Anlage in der Location. Solche Dinge. Damit musste ich mich halt früher nicht herumschlagen. Aber es gab keinen Abend wo ich Eindruck hatte, das wir versagt haben.

Ist es nicht extrem schwierig diesen speziellen, raffinierten Ulver-Sound live umzusetzen? Was euch gestern Nacht nämlich wirklich ausgesprochen gut gelungen ist.

Ja ist es. Besonders schwierig ist es aber die volle Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen. Und das ist uns sehr wichtig. Und dann sind wir wieder beim vorigen angesprochenen Problem. Wir sind keine große Band von einem großen Label, unser Budget ist verschwindend gering. Wir müssen ununterbrochen mit unzulänglichen Mittel arbeiten um unser Ziel erreichen zu können. Es ist für mich sehr außergewöhnlich mich auf ein Publikum zu fokussieren. Und auch dieser Zirkus nachher eine Stunde lang Platten zu unterschreiben und die Leute zu treffen. Das ist für mich sehr, sehr seltsam. Aber es ist okay.

Ich war sehr von dem ausgeklügelten visuellen Aspekt der Show beeindruckt.

Die größte Schwierigkeit dabei war überhaupt Material zu finden, dass unser Liedgut visuell transportiert. Kirsten, eine Freundin hat das gemeinsam mit mir designt. Wir arbeiten aber auch wirklich live mit Farben und Licht. In dieser Hinsicht unterscheidet sich jedes Konzert von dem anderen, auch wenn die Filme und Bilder exakt auf die Musik abgestimmt ist.

Geht es darum die Musik zu visualisieren oder die Musik mit den Bildern zu interpretieren?

Wir versuchen die Musik mit den Bildern zu unterstreichen. Und zu Beginn war diese große Videosache auch ein Alibi für mich. Um die Aufmerksamkeit von uns wegzulenken. Weil daran bin ich nun gar nicht interessiert.

Was natürlich großes Aufsehen erregt hat, war die Verwendung der Holocaust-Bilder während einer Nummer...

Ja, ziemlich ergreifend oder? Ich wüsste nicht wie es mir als Besucher ergehen würde, wenn ich plötzlich während eines Konzerts mit so etwas konfrontiert werden würde. Ich würde mich sehr wahrscheinlich unwohl fühlen. Die Frage die sich die Besucher nämlich immer nach dieser Nummer stellen müssen – ob sie jetzt wie üblich – applaudieren sollen oder nicht? Klatscht man zu den Genozid-Bildern? Da gab es während der Tour sehr viele unangenehme Momente. Konzerte wo es nach dem Lied lange Zeit vollkommen still war. Die Leute anscheinend darauf warteten, dass ich etwas sagen oder erklären würde. Sie haben auf die Gebrauchsanweisung gewartet. Wir sind uns all dieser Reaktionen und Probleme bewusst. Aber ich dachte es ist wichtig dieses Bildmaterial zu verwenden. Ich musste es riskieren.

In Polen gab es ein Problem mit einem Besucher, der mich nach dem Konzert ansprach und mich fragte warum wir Leni Riefenstahl’s Bilder benutzen, ob ich nicht wüsste was sie getan hat. Und in Polen haben wir eine zensierte Version des Videos gezeigt. Zensiertes „Triumph des Willens-Material“ und keine Genozid-Bilder. Ich versuchte ihm zu erklären, dass das Zeigen von Bildern noch keine ideologisches Bekenntnis ist. Das wir ihm nur Bilder gezeigt haben und die Interpretation nun bei ihm liegt. Er beharrte aber darauf das wir Nazis wären. Was völlig lächerlich ist, völlig falsch. In diesem schwierigen Video zeigen wir u.a. in immer drastischeren Bildern welche furchtbaren Konsequenzen das Aufgeben der geistigen Individualität haben kann.

Da sind wir thematisch auch schon bei einer Band die sehr wichtig für dich ist und auch die einzige ist, mit der man euch ästhetisch vergleichen kann. Coil.

Ja natürlich. Eine Band die mich über viele Jahre extrem beeinflusst hat. Aber ich sehe einen großen Unterschied in der spirituellen Entwicklung. Wir haben uns inzwischen völlig von okkulten Ansichten oder okkultem Leben entfernt. Wir haben uns von abstrakten Inhalten zu sehr spezifischen Themen hin entwickelt. Um was es mir inzwischen geht ist Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit. Ganz einfach. Die elementaren Klischees liegen mir am Herzen. Aber ich schätze die geheimnisvolle Welt von Coil. Wir sind im Vergleich einfach am Boden geblieben. Hahaha. Wir haben all diese magischen Themen schon hinter uns. Wie gesagt, die irdischen Themen sind Ulver inzwischen wichtig.

Du hast eine sehr abwechslungsreiche musikalische Reise hinter dir. Fühlst du dich noch irgendwie mit deinen alten Metal-Fans verbunden?

Nein, überhaupt nicht.

Weil die bleiben dir standhaft treu, egal was du machst.

Bei jedem Konzert, wie auch gestern, gibt es immer eine Handvoll Idioten die nach einem alten Lied schreien. Ich werde mir bei der nächsten Tour T-Shirts drucken lassen mit „ich werde kein Lied von den ersten drei Ulver-Platten spielen“.

Bist du stolz auf diese Platte?

Ja sehr. Aber das war eine andere Band. Das einzige was geblieben ist, ist der Name. Ich würde es gerne sehen, wenn ich meinen Schlagzeuger auf einmal befehle Blast Beats zu spielen. Hahahaha. (Kristoffer’s Mobiltelefon piepst lustig vor sich hin).

Hahaha. Schau das sind meine Kinder. Mit Hörnern. (der mächtige Garm zeigt mir ein Bild von zwei Kindergartenkinder bei einem Faschingsfest, die als Teufel verkleidet sind). I miss those fuckers.