Die Ausstellung ist sehr gut kuratiert und zeigt das vielfältige Schaffen Newtons der letzten vier Jahrzehnte. Der einstündige Film über Newton ist unbedingt sehenswert. Für Newton-Kenner als auch für "Anfänger" eine klare Empfehlung.
Hier mein Text zur Ausstellung:
Helmut Newton an der Donau
von Rene-Lysander S.
Der Wiener Philosoph und Professor für Ästhetik Walter Seitter hat in einem 1993 erschienen Bändchen unter dem Titel Körperanalysen den wohl bekanntesten und umstrittensten Photographen der letzten Jahrzehnte zu einem Philosophen erklärt. Wobei sich der modus operandi und das Medium Newtons von dem anderer Denker wesentlich unterscheidet. Die Brechungen, Überraschungen und Provokationen, die die Bilder Newtons berühmt gemacht haben, nennt Seitter Analysen.
Helmut Newton hat sich gegen künstlerische Deutungen seines Werks immer gewehrt. In einem 2002 veröffentlichten Interview für ein österreichisches Magazin meinte er: Meine Bilder sind Photographien. Wenn sie dazu Kunstwerke sagen, ist das komisch.
Helmut Newton wurde 1920 als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten geboren. Der hoffnungslos faule Schüler brach seine Studien ab und begann zum Entsetzen seiner Familie eine Lehre als Photograph im Studio der renommierten Portraitistin und Modephotographin Iva. Nach seiner Emigration 1938 und einem kürzeren Aufenthalt in Singapore kam er nach Australien, wo er fünf Jahre als einfacher Soldat diente. Danach machte er sich als Photograph selbstständig. 1948 heiratete er die Schauspielerin June Brown, die ab etwa 1970 ebenfalls, allerdings unter dem Namen Alice Springs, als Photographin hervortrat. June Newton hat auch die gegenständliche Ausstellung aus Anlaß des 80. Geburtstages ihres Mannes zunächst für die Neue Nationalgalerie Berlin kuratiert. Ab 1961 ist Helmut Newton vor allem für die französische Vogue tätig, eine Zusammenarbeit, die über ein Vierteljahrhundert andauern sollte. Nach ersten Ausstellungen in den 70er Jahren wird Newton in den 80ern zum Starphotograhen. Mit den Big Nudes, überlebensgroßen Ganzkörperportraits ausgewählter Models, welche, Newton-typisch, nur mit High-Heels bekleidet sind, macht er Forore. Oder etwa mit jenen zwei Bildern (Sie kommen), die ein attraktives Damenquartett zunächst elegant gekleidet auf den Betrachter zukommen läßt, um die gleichen Models auf dem zweiten Bild in nahezu exakt gleicher Körperhaltung, allerdings unbekleidet zu zeigen. (Glücklicherweise sind diese Bilder in Krems zu sehen, obwohl dem Rezensenten nicht klar ist, warum man Sie kommen 1&2 auf jeweils zwei Tafeln vergrößert hat).
Wer das Werk Newtons aus anderen Ausstellungen oder durch die zahlreichen Bildbände bereits kennt, wird vielleicht den ein oder anderen Einwand zur Auswahl der gezeigten Bilder haben. So sind zwar die Portraits von Gerhard Schröder, Leni Riefenstahl, Kurt Waldheim( dieser lächerlich-lächelnd) zu sehen, ja sogar das meisterliche Bild Jean-Marie Le Pens mit zwei Dobermännern ist zu bewundern, leider fehlt aber das Portrait Helmut Kohls, nach Meinung des Rezensenten das beste Politikerportrait der letzten Jahrzehnte.
Alle wichtigen Bilderserien Newtons der letzen Jahre sind vertreten, so die Domestic Nudes, die in einem von Newtons Wohnsitzen entstanden und auch die Dummies, jene leicht anrüchigen Arbeiten, bei denen anstelle lebendiger Menschen spezielle Puppen vor das Objektiv kamen. Und auch Teile der bauwelt-Reklamebilder sind zu sehen, den Österreichern von den Plakatwänden der späten 80er sicher noch erinnerlich. Vor dem Ausstellungsbesuch sollte man sich eine knappe Stunde Zeit für einen von June Newton gedrehten Film über die Arbeit und das Leben Helmut Newtons nehmen. Man kann so die Entstehung einiger Bilder quasi miterleben, die man dann in der Ausstellung wiederfindet. Und Newton, der ausgiebig zu Wort kommt, zeigt gleichermaßen Understatement und brillanten Witz. Nicht immer nach dem Geschmack der politisch Korrekten.
Die Ausstellung Helmut Newton: Work ist in der Kunsthalle Krems noch bis 5. Jänner 2002 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Als Ausstellungskatalog ist ein großformatiges Buch im Taschen-Verlag erschienen, auf 280 Seiten finden sich über 200 Abbildungen aus vier Jahrzehnten und zwei Aufsätze über Newton.
Ca 4016 Anschläge.