Schellen im Brauchtum
Ursprünglich galt das Tragen von Schellen als eine hohe Auszeichnung. Schon im Buch Mose wird berichtet, dass der jüdische Hohepriester goldene Schellen an seinem Gewand trug. Ihr Klang zeigte dem Volk, das im Vorhof wartete, die Verrichtungen des Priesters im Heiligtum an, so dass es diese betend verfolgen konnte.
Auch das Christentum behielt den Brauch bei, Schellen an Messgewändern zu befestigen. Im Mittelalter war es bei Rittern und Adeligen Mode, Schellen als Verzierung der festlichen Kleidung zu tragen.
Erst später erhielten die Schellen negative Bedeutung und dienten zur Kennzeichnung der Narren. Noch heute sind sie fester Bestandteil der alemannischen Fastnachtskostüme, etwa bei den Fasenickeln des Altmühltals. In manchen Orten des Alpenraumes wie in Mittenwald oder Garmisch-Partenkirchen gibt es noch den Brauch des Schellenrührens oder Schellenlaufens, bei dem eine maskierte Gruppe im rhythmischen Takt der um den Körper geschnallten Schellen durch das Dorf zieht.
Die Schelle gilt als Symbol für Narrheit und ihr Gerassel wird mit Geschwätzigkeit gleichgesetzt. In Schwaben nennt man ein schwatzhaftes Weib deshalb "eine alte Schelle".
»Im Mittelalter trugen die Aussätzigen Schellen und klingelten damit, um vor sich selbst zu warnen, aber auch, um zu betteln. Die Römer hängten Missetätern Schellen um, die abgestraft werden sollten.
Etwas ähnliches hat sich in Tirol erhalten:
Man hängt den beim 'Fensterln' Erwischten Viehschellen um den Hals und jagt sie damit durchs Dorf; ihr Vergehen wird sozusagen 'an die große Glocke' gehängt, damit sie dem Spott nicht entgehen. Diese Art der Volksjustiz können sich aber wohl nur sehr ehrbare Dörfer erlauben; mancherorts würde, wenigstens an den Samstagen, ein nächtliches Geläute entstehen, dass man glauben müsste, der Hirt treibt aus!«
Konrad Hörmann, 1917