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avatar 06.08.04 23:00
4. Barbara Coudenhove-Kalergi: Outing als Tierqual-Geniesserin



Ein Aha-Erlebnis der anderen, unerfreulichen Art hatten LeserInnen,
die am 17.Juli aufmerksam die Wochenendausgabe der "Presse" lasen.
Dort fand sich, zur großen Verblüffung Vieler, ein umfangreiches
Plädoyer für die Erhaltung des Stierkampfs - verfasst ausgerechnet
von Barbara Coudenhove-Kalergi, jener bekannten Wiener Publizistin,
die bisher eigentlich eher in dem Ruf stand, so etwas wie die "Grand
Dame" des bürgerlich-progressiven Journalismus in Österreich zu sein.

Beunruhigt durch die Vorgangsweise der Stadtverwaltung Barcelonas,
die ein Verbot des Stierkampfes für die katalanische Hauptstadt
beschlossen hat, machte sich die Journalistin so ihre Gedanken über
die Zukunft des Stierkampfs in Europa.
Als bekennende Anhängerin der "corrida", also der blutigen Tradition
des Stierkampfs, fürchtet sie dessen Ende nahen.
In ihren Augen wäre die Abschaffung dieses blutigen Spektakels "eine
Katastrophe, vergleichbar dem Verbot von Theater, Oper, Ballett. Mich
berührt der Stierkampf sogar noch mehr als andere Formen der
darstellenden Kunst. Torero und Stier auf dem sonnendurchtränkten
Sand der Arena, völlig aufeinander konzentriert, verbunden in einer
Art hochraffiniertem Tanz, in dem es um Tod und Leben geht, ... - das
hat eine Schönheit, die mit nichts anderem zu vergleichen ist."

Einwände des Tierschutzes und kritischer Ethik wischt sie mit
demagogischen Scheinargumenten beiseite:
"Ja, aber die Grausamkeit? Die Tierquälerei? Kann ein zivilisierter
Mensch wirklich für ein Spektakel sein, bei dem tausende Zuschauer
sich daran weiden, wie ein Tier leidet und stirbt? Der Stierkampf ist
grausam, das stimmt. Aber ein Kampf dauert höchstens 20 Minuten. Ist
es schlimmer, nach einem freien Leben auf den grünen Wiesen
Andalusiens in der Arena zu sterben, als nach einem Leben in den
Massenställen der modernen Agrarproduktion und einem qualvollen
Viehtransport im dicht gefüllten Waggon fabrikmäßig im Schlachthof
umgebracht zu werden?"

Ganz so, als ob das eine eklatante Übel, nämlich die industrielle
Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung von leidensfähigen Tieren,
einen anderen Missbrauch, in diesem Fall der Stierkampf,
rechtfertigen könnte.

Die perfide, gewalt-voyeuristische Banalität des Stierkampfpublikums
wird von Kalergi, die sich sonst gern als aufgeklärt-liberale
Humanistin gibt, wortreich und unbekümmert geschildert:
"Mein Nachbar auf der Zuschauertribüne ist sichtlich ein Stammgast,
ein dicker schwerer Mann aus der Vorstadt, der für seine Freunde, die
an seinen Lippen hängen, lautstark jede Phase des Kampfes kommentiert.
Er beobachtet den Stier mit Kennermiene."

Ganz ohne jedes Mitgefühl, dafür mit umso mehr Liebe für das brutale
Detail, schildert Kalergi begeistert das ganz alltägliche Grauen des
Stierkampfs:
"Es wird still im Rund. Die Mitwirkenden ziehen ein, voran die
Toreros, dann ihr Gefolge, am Schluss die Pferde, die später die
toten Stiere aus der Arena ziehen werden. ...Drei Toreros, sechs
Stiere gehören zu jeder corrida.

... Dann reiten die "picadores" ein, Lanzenreiter auf gepanzerten
Pferden, denen die Augen verbunden sind. ...nun greift der Stier das
Pferd an, bohrt seine Hörner in dessen Flanken, während der picador
dem Stier mit seiner Lanze jeweils drei Wunden zufügt."

Als nächste haben die "banderilleros" ihren Auftritt: "Leichtfüßig
springen sie herein, wie schlimme Buben, die Schabernack treiben.
Dabei ist ihre Aufgabe hochgefährlich: Sie setzen dem heranstürmenden
Stier je zwei leichte, bändergeschmückte spitze Stangen in den Nacken
und hüpfen im letzen Moment zur Seite."
Das als bloß euphemistisch zu bezeichnen wäre noch krass untertrieben
angesichts dieser zutiefst zynischen Beschreibung: "...setzen dem
Stier zwei leichte, bändergeschmückte Stangen in den Nacken..." - in
Wahrheit rammen sie dem mittlerweile schon schwer verletzten Tier,
das durch die Lanzenstiche der picadores bereits große, klaffende
Wunden im Nacken hat, brutal zwei weitere Spieße in den Körper.

Als der Torero ins Spiel kommt, verliert Kalergis Sicht der Dinge
vollends jeglichen Bezug zu Rationalität und Realität:
"Und jetzt kommt endlich der eigentliche Kampf. Trompetensignal. Der
Torero tritt auf, jetzt allein, in der Hand die muleta, das rote Tuch,
mit dem er seinen Gegner anlockt, ihn dagegen anrennen lässt,
ausweicht, dasselbe noch einmal, diesmal von der anderen Seite, ein
kunstvolles Ballett (!), bei dem es darauf ankommt, so nah am Stier
wie möglich zu arbeiten (!)."

Einen gelinde ausgedrückt etwas bizarren Erotikbegriff vertritt Frau
Kalergi, wenn sie von "einer atemberaubenden, wenngleich ambivalenten
Erotik" schwärmt, die der Kampf zwischen Torero und Stier in ihren
Augen habe. "(Der Torero) lockt und verführt. Sein Kostüm - die
bestickte Jacke, die eng anliegenden Kniehosen, die rosa Strümpfe -
ist auf eine androgyne Weise aufreizend elegant. Erst am Ende, beim
Todesstoß, werden die Rollen wieder vertauscht."

Doch das perverse, sadistische Prickeln der Tierqualverherrlicherin
ist noch lange nicht an seinem Gipfel angelangt:
"Der letzte Akt ist der Höhepunkt der corrida. Stier und Torero
stehen einander in der Arena gegenüber. Der Torero hat sich von einem
Assistenten seinen Degen reichen lassen. Es ist totenstill. Man weiß,
dass es jetzt zu Ende geht. Und man hat das Gefühl: Auch der Stier
weiß es. Schwer atmend steht er da. Der Torero spricht mit ihm, leise,
fast intim. Die beiden Kontrahenten scheinen in einem sehr privaten
Zwiegespräch begriffen. Es ist ein Moment, der nur ihnen gehört.
Lange Sekunden vergehen. Und dann attackiert der Stier. Der Torero
steht frontal vor ihm, auf den Zehenspitzen, hebt langsam den Degen,
stößt von oben zu. Es ist eine kleine Stelle im Nacken des gewaltigen
Tieres, die er exakt treffen muss. Für einen Augenblick sind Stier
und Torero eins, eine unvergessliche Skulptur. Der Stier bleibt im
vollen Lauf stehen, schwingt, wie ungläubig, den Kopf hin und her.
Und bricht zusammen. In diesem Augenblick erklingt die Trompete. Alle
stehen auf. Vierzehntausend Zuschauer ehren den gefallenen Stier. ...
Mein Nachbar samt Anhang ist aufgesprungen vor Begeisterung und ruft
immer wieder: "Toro!" Es gibt Standing Ovations, während die Pferde
mit dem toten Stier im Schlepptau eine Ehrenrunde rund um die Arena
drehen wie Achilles mit dem toten Hektor."

Hätte Coudenhove-Kalergi dem Achilles auch Beifall geklatscht, als er
den niedergemetzelten Hektor an seinen Streitwagen gebunden um das
antike Troja herumschleifte? Und was hätte sie von Gladiatorenkämpfen,
diesen nahen Verwandten des Stierkampfes, gehalten? Hätte sie deren
Verbot auch als Beschneidung des "Kulturerbes der Menschheit" beklagt
und bekämpft?

Und dann - gegen Ende - obskurste Phantasierereien: Die massakrierten
Stiere seien "die eigentlichen Helden. Sind sie die Nachfahren des
Minotaurus? Des Göttervaters Zeus in Stiergestalt? Anderer, noch
älterer Gottheiten?..."


Nein, Frau Kalergi, der Stierkampf gehört wahrhaftig nicht zum
Weltkulturerbe, er ist auch nicht, wie Sie das allen Ernstes
behaupten, ein Ausdruck von "Achtung, Respekt, ja Ehrfurcht"
gegenüber Tieren, und so wird sich jene bedauernswerte Minderheit von
Tierqual-aficionados, für die Sie sich mit ihrem unsäglichen Artikel
blendend qualifiziert haben, damit abfinden müssen, dass die
fortschrittliche, humane und ethisch nicht mit Blindheit geschlagene
Mehrheit der Europäer dieser zutiefst barbarischen Un-Tradition schon
bald ein Ende setzen wird. Für immer.




auszug aus vgt-newsletter, mit bezug auf
<a href="[www.diepresse.com]; target="_blank">[www.diepresse.com];
fiend
07.08.04 18:03
da kann man nur sagen:

lests euch den presse-artikel durch.
denn sie hat recht.

dieses pseudohafte gutmenschtum diverser gegen-irgendwas-organisationen kotzt mich teilweise schon a bisserl an :)
07.08.04 19:30
Hast morgen Zeit? Für so ein schönes Spektakel bräuchten sie noch Mitwirkende. Aber als Stier. Auch die Kalergi und den Nitsch sollte man genauso behandeln, wie sie es bei den Tieren so aufregend finden. -Ich sehe die Frau Kalergi direkt vor mir, wie sie nach dem ersten Nackenstich kulturell bedeutsam aufröhrt, während dem begeisterten Publikum der Speichel ins Essen tropft.-
Und hinterher, wenn alles vorbei ist, kann man die ganze Bagage gerne als "die Nachfolger des Schlachtviehs" oder meinetwegen "die Nachfolger von Hollywood" ehren.
fiend
07.08.04 19:48

das ist doch nur billig.

worüber ihr euch da aufregt mag vielleicht sehr medienwirksam sein, und zerstört ewig alte traditionen, aber aus sicht der tiere ist es ein absolut zu vernachlässigender nebenschauplatz.

aber darum gehts euch doch, oder?
um die medien, nicht um die tiere.

und dann wird gross abgecashed und spendengelder umverteilt. kennen wir ja alles schon.
eod.
07.08.04 20:11
Nebenschauplatz? Aus der Sicht von wem? Der Stier der nicht oder schon abgemurkst wird, hält das bestimmt nicht für einen Nebenschauplatz.
Ich weiß nicht, wen Du mit "euch" angesprochen hast. Mir geht´s sehr wohl um die Tiere. Deshalb versuche ich auch, dementsprechend zu leben. Und wenn ich was für den Tierschutz oder die Dritte Welt spende, dann hoffe ich doch, dass die es auch kriegen. Wer sich für irgendeine Hilfsorganisation engagiert, macht das den Großteil der Zeit anonym. An die Öffentlichkeit geht man nur dann, wenn man die Leute aufrütteln will.
In diesem Fall hier war´s grade umgekehrt. Wieso können solche unnötigen Grausamkeiten nicht einfach stillschweigend abgeschafft werden?! Nein, da taucht die Coudenhove-Kalergi auf und beschwört das Pathos vom Schlachten.
fiend
07.08.04 20:17
Nicola schrieb:

> Nebenschauplatz? Aus der Sicht von wem? Der Stier der
> nicht oder schon abgemurkst wird, hält das bestimmt nicht für
> einen Nebenschauplatz.

Und das ganze Trara wegen einem Stier?

PS: Wenn Du mich nicht verstehen willst, muss ich das bei Dir auch nicht
avatar 07.08.04 21:11

Eines vorweg, ich bin keine Befürworterin des Stierkampfes, finde aber trotzdem, dass die "Brisanz" dieser Problematik an der Realität, sprich der großteils vorherrschenden Armut der Bevölkerung in den provinziellen Regionen und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen vorwiegend aus Afrika stammende Arbeiter in den hiesigen Gewächshäusern Andalusiens/Katalaniens arbeiten müssen, vorbeigeht. Gerade was die Lage der Gewächshausarbeiter angeht gibts leider kaum bis keine unterstützende Lobby und ich weiß dies schon einzuschätzen, da ich familiär bedingt öfters in Andalusien bin. Außerdem wird nach dem Stierkampf das Fleisch auch unter der Bevölkerung aufgeteilt - wäre natürlich wünschenswert, dass dies unter normalen Bedingungen auch gehandhabt werden könnte und ich halte auch nichts von der banalen Aufrechnerei der Coudenhove-Kalergi, indem man das 20-minutige Leiden der Stiere, dem Leiden der Massentransporttiere gegenüberstellt. Sind sicherlich 2 Übel, wobei letzteres meiner Meinung nach viel mehr im Focus der Tierschutz-Initiativen stehen sollte.
07.08.04 22:38
Wenn schon zitieren dann bitte auch vollständig:

>
> auszug aus vgt-newsletter, mit bezug auf
> <a
> href="[www.diepresse.com]; target="_blank">[www.diepresse.com];

Darin steht nämlich auch das der stier sehr wohl eine überlebenschance hat ( eben dann wenn er zu kampfunlustig ist ), und das die stiere extra nur für den stierkampf gezüchtet werden.
Ausserdem hatten wir diese diskusion ( vor jahren ) hier in diesem forum schon einmal.
avatar 08.08.04 10:56
Tefen schrieb:
>
> Darin steht nämlich auch das der stier sehr wohl eine
> überlebenschance hat ( eben dann wenn er zu kampfunlustig ist
> ), und das die stiere extra nur für den stierkampf gezüchtet
> werden.

Sei du mal kampfunlustig, wenn dir die Nahrung entzogen wird, du gereizt wirst, und dir die Eier zusammengequetscht werden, um dich richtig aggressiv zu machen.
Und was ändert das an der Lage, das die Stiere extra für den Stierkampf gezüchtet werden? Haben sie deshalb kein Schmerzempfinden? Natürlich werden sie gezüchtet, in Spanien gibt's vermutlich nicht so viele Stiere in freier Wildbahn.
avatar 08.08.04 11:00
fiend schrieb:

> zerstört ewig alte traditionen

Und ist etwas gut nur weil es Tradition hat/ist? Tradition geht meiner Meinung nicht als Rechtfertigung für irgendetwas durch, und auf Traditionen, die Menschen oder Tiere quälen, kann man getrost verzichten. Aber das geht bestimmt nicht in deinen dumpf-konservativen Schädel.
fiend
08.08.04 13:32
NeuRose schrieb:

> Aber das geht bestimmt nicht in
> deinen dumpf-konservativen Schädel.

du armer mensch :)
08.08.04 13:33
Auf die gefahr hin hier unnötig die Diskusion zu verlängern:

Es geht mir hier überhaupt nicht darum ob es tierquälerei ist oder nicht ( oder wenn du es unbedingt lesen willst: JA es ist welche, aber das wurde hier weder von frau bck noch von mir abgestritten ) sondern ich wollte mit meinem posting nur darauf hinweisen das die ( zugegebener weise sehr kleine ) chance besteht das der stier überlebt und daß wenn man sätze aus dem zusammenhang reißt natürlich ein vollkommen anderer sinn entsteht.
zweitens halte ich es für sehr unwahrscheinlich das die stadtverwaltung von barcelona nach der nächsten wahl noch im amt ist ( sprich diese verordnung wird jetzt groß gefeiert und nach der nächsten wahl still und heimlich rückgängig gemacht ) bzw die spanische regierung diesem gesetz zustimmt ( sie würden einen volksaufstand riskieren das wäre wirtschaftlich gesehen ungefähr so als würdest du in österreich schiefahren und snowboarden verbieten [ schädigt nämlich auch die tier und pflanzenwelt nur so ganz nebenbei ])
also gesammt gesehen: viel gerede um absolut nichts

( aber es füllt das sommerloch der zeitungen *g* )
avatar 08.08.04 13:47
fiend schrieb:
>
> du armer mensch :)

Das siehst du falsch, mir geht es sehr gut damit, nicht so zu sein wie du.
Und es ist wohl eine Art von Masochismus, dich noch nicht auf die Ignore-Liste gesetzt zu haben. Jedes einzelne deiner Postings eine Qual.
avatar 08.08.04 13:52
Tefen schrieb:
>
Du gehst davon aus, das der Großteil der Spanier scharf auf Stierkämpfe ist. Ist aber nicht so. Soweit ich mich erinnern kann, glauben über 70% der Spanier, daß der Stierkampf dem Image von Spanien im Ausland Schaden zufügt. Und damit auch dem Tourismus.
fiend
08.08.04 13:56

ob das nicht an dir liegt? :)
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