4. Barbara Coudenhove-Kalergi: Outing als Tierqual-Geniesserin
Ein Aha-Erlebnis der anderen, unerfreulichen Art hatten LeserInnen,
die am 17.Juli aufmerksam die Wochenendausgabe der "Presse" lasen.
Dort fand sich, zur großen Verblüffung Vieler, ein umfangreiches
Plädoyer für die Erhaltung des Stierkampfs - verfasst ausgerechnet
von Barbara Coudenhove-Kalergi, jener bekannten Wiener Publizistin,
die bisher eigentlich eher in dem Ruf stand, so etwas wie die "Grand
Dame" des bürgerlich-progressiven Journalismus in Österreich zu sein.
Beunruhigt durch die Vorgangsweise der Stadtverwaltung Barcelonas,
die ein Verbot des Stierkampfes für die katalanische Hauptstadt
beschlossen hat, machte sich die Journalistin so ihre Gedanken über
die Zukunft des Stierkampfs in Europa.
Als bekennende Anhängerin der "corrida", also der blutigen Tradition
des Stierkampfs, fürchtet sie dessen Ende nahen.
In ihren Augen wäre die Abschaffung dieses blutigen Spektakels "eine
Katastrophe, vergleichbar dem Verbot von Theater, Oper, Ballett. Mich
berührt der Stierkampf sogar noch mehr als andere Formen der
darstellenden Kunst. Torero und Stier auf dem sonnendurchtränkten
Sand der Arena, völlig aufeinander konzentriert, verbunden in einer
Art hochraffiniertem Tanz, in dem es um Tod und Leben geht, ... - das
hat eine Schönheit, die mit nichts anderem zu vergleichen ist."
Einwände des Tierschutzes und kritischer Ethik wischt sie mit
demagogischen Scheinargumenten beiseite:
"Ja, aber die Grausamkeit? Die Tierquälerei? Kann ein zivilisierter
Mensch wirklich für ein Spektakel sein, bei dem tausende Zuschauer
sich daran weiden, wie ein Tier leidet und stirbt? Der Stierkampf ist
grausam, das stimmt. Aber ein Kampf dauert höchstens 20 Minuten. Ist
es schlimmer, nach einem freien Leben auf den grünen Wiesen
Andalusiens in der Arena zu sterben, als nach einem Leben in den
Massenställen der modernen Agrarproduktion und einem qualvollen
Viehtransport im dicht gefüllten Waggon fabrikmäßig im Schlachthof
umgebracht zu werden?"
Ganz so, als ob das eine eklatante Übel, nämlich die industrielle
Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung von leidensfähigen Tieren,
einen anderen Missbrauch, in diesem Fall der Stierkampf,
rechtfertigen könnte.
Die perfide, gewalt-voyeuristische Banalität des Stierkampfpublikums
wird von Kalergi, die sich sonst gern als aufgeklärt-liberale
Humanistin gibt, wortreich und unbekümmert geschildert:
"Mein Nachbar auf der Zuschauertribüne ist sichtlich ein Stammgast,
ein dicker schwerer Mann aus der Vorstadt, der für seine Freunde, die
an seinen Lippen hängen, lautstark jede Phase des Kampfes kommentiert.
Er beobachtet den Stier mit Kennermiene."
Ganz ohne jedes Mitgefühl, dafür mit umso mehr Liebe für das brutale
Detail, schildert Kalergi begeistert das ganz alltägliche Grauen des
Stierkampfs:
"Es wird still im Rund. Die Mitwirkenden ziehen ein, voran die
Toreros, dann ihr Gefolge, am Schluss die Pferde, die später die
toten Stiere aus der Arena ziehen werden. ...Drei Toreros, sechs
Stiere gehören zu jeder corrida.
... Dann reiten die "picadores" ein, Lanzenreiter auf gepanzerten
Pferden, denen die Augen verbunden sind. ...nun greift der Stier das
Pferd an, bohrt seine Hörner in dessen Flanken, während der picador
dem Stier mit seiner Lanze jeweils drei Wunden zufügt."
Als nächste haben die "banderilleros" ihren Auftritt: "Leichtfüßig
springen sie herein, wie schlimme Buben, die Schabernack treiben.
Dabei ist ihre Aufgabe hochgefährlich: Sie setzen dem heranstürmenden
Stier je zwei leichte, bändergeschmückte spitze Stangen in den Nacken
und hüpfen im letzen Moment zur Seite."
Das als bloß euphemistisch zu bezeichnen wäre noch krass untertrieben
angesichts dieser zutiefst zynischen Beschreibung: "...setzen dem
Stier zwei leichte, bändergeschmückte Stangen in den Nacken..." - in
Wahrheit rammen sie dem mittlerweile schon schwer verletzten Tier,
das durch die Lanzenstiche der picadores bereits große, klaffende
Wunden im Nacken hat, brutal zwei weitere Spieße in den Körper.
Als der Torero ins Spiel kommt, verliert Kalergis Sicht der Dinge
vollends jeglichen Bezug zu Rationalität und Realität:
"Und jetzt kommt endlich der eigentliche Kampf. Trompetensignal. Der
Torero tritt auf, jetzt allein, in der Hand die muleta, das rote Tuch,
mit dem er seinen Gegner anlockt, ihn dagegen anrennen lässt,
ausweicht, dasselbe noch einmal, diesmal von der anderen Seite, ein
kunstvolles Ballett (!), bei dem es darauf ankommt, so nah am Stier
wie möglich zu arbeiten (!)."
Einen gelinde ausgedrückt etwas bizarren Erotikbegriff vertritt Frau
Kalergi, wenn sie von "einer atemberaubenden, wenngleich ambivalenten
Erotik" schwärmt, die der Kampf zwischen Torero und Stier in ihren
Augen habe. "(Der Torero) lockt und verführt. Sein Kostüm - die
bestickte Jacke, die eng anliegenden Kniehosen, die rosa Strümpfe -
ist auf eine androgyne Weise aufreizend elegant. Erst am Ende, beim
Todesstoß, werden die Rollen wieder vertauscht."
Doch das perverse, sadistische Prickeln der Tierqualverherrlicherin
ist noch lange nicht an seinem Gipfel angelangt:
"Der letzte Akt ist der Höhepunkt der corrida. Stier und Torero
stehen einander in der Arena gegenüber. Der Torero hat sich von einem
Assistenten seinen Degen reichen lassen. Es ist totenstill. Man weiß,
dass es jetzt zu Ende geht. Und man hat das Gefühl: Auch der Stier
weiß es. Schwer atmend steht er da. Der Torero spricht mit ihm, leise,
fast intim. Die beiden Kontrahenten scheinen in einem sehr privaten
Zwiegespräch begriffen. Es ist ein Moment, der nur ihnen gehört.
Lange Sekunden vergehen. Und dann attackiert der Stier. Der Torero
steht frontal vor ihm, auf den Zehenspitzen, hebt langsam den Degen,
stößt von oben zu. Es ist eine kleine Stelle im Nacken des gewaltigen
Tieres, die er exakt treffen muss. Für einen Augenblick sind Stier
und Torero eins, eine unvergessliche Skulptur. Der Stier bleibt im
vollen Lauf stehen, schwingt, wie ungläubig, den Kopf hin und her.
Und bricht zusammen. In diesem Augenblick erklingt die Trompete. Alle
stehen auf. Vierzehntausend Zuschauer ehren den gefallenen Stier. ...
Mein Nachbar samt Anhang ist aufgesprungen vor Begeisterung und ruft
immer wieder: "Toro!" Es gibt Standing Ovations, während die Pferde
mit dem toten Stier im Schlepptau eine Ehrenrunde rund um die Arena
drehen wie Achilles mit dem toten Hektor."
Hätte Coudenhove-Kalergi dem Achilles auch Beifall geklatscht, als er
den niedergemetzelten Hektor an seinen Streitwagen gebunden um das
antike Troja herumschleifte? Und was hätte sie von Gladiatorenkämpfen,
diesen nahen Verwandten des Stierkampfes, gehalten? Hätte sie deren
Verbot auch als Beschneidung des "Kulturerbes der Menschheit" beklagt
und bekämpft?
Und dann - gegen Ende - obskurste Phantasierereien: Die massakrierten
Stiere seien "die eigentlichen Helden. Sind sie die Nachfahren des
Minotaurus? Des Göttervaters Zeus in Stiergestalt? Anderer, noch
älterer Gottheiten?..."
Nein, Frau Kalergi, der Stierkampf gehört wahrhaftig nicht zum
Weltkulturerbe, er ist auch nicht, wie Sie das allen Ernstes
behaupten, ein Ausdruck von "Achtung, Respekt, ja Ehrfurcht"
gegenüber Tieren, und so wird sich jene bedauernswerte Minderheit von
Tierqual-aficionados, für die Sie sich mit ihrem unsäglichen Artikel
blendend qualifiziert haben, damit abfinden müssen, dass die
fortschrittliche, humane und ethisch nicht mit Blindheit geschlagene
Mehrheit der Europäer dieser zutiefst barbarischen Un-Tradition schon
bald ein Ende setzen wird. Für immer.
auszug aus vgt-newsletter, mit bezug auf
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