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NIGHT OF HUNTERS

Die künstlerische Bilanz des bisherigen Schaffens von Tori Amos besticht durch die Bandbreite ihrer Produktionen – von Mainstream-Popwerken bis hin zu Interpretationen klassischer Kompositionen -  und durch das ungebrochen hohe Produktionsniveau. Nach einer Dekade des Suchens, in welcher sie einige Konzeptalben veröffentlichte und mehrere Labels wechselte, hat Frau Amos nun zur Deutschen Grammophon gefunden, damit ihre neue Scheibe ein zur neuen Stilrichtung (Klassik/Klavierkammermusik) passendes Verlagshaus findet.

Das neue Werk „Night of Hunters“ hört sich an, als ob sich die Künstlerin endlich für einen neuen musikalischen Ausdruck entschieden hat. Das anfangs erwähnte Jahrzehnt der Suche begann mit der meisterhaften Auseinandersetzung mit den USA nach den Septemberanschlägen 2001, dem Album „Scarlet’s Walk“, auf welchem einige persönliche Lieblingslieder des Verfassers erschienen. Leider folgten mit „The Beekeeper“ und „American Doll Posse“ zwei der schwächsten Ergüsse in der bis dahin fast makellosen Karriere von Amos. Einerseits Konzept(e) verordnend, schaffte es Amos nicht, die auf der anderen Seite wartende Kommerz-Erwartung in koherente Gesamtwerke zu integrieren. So brachten diese zwei (je um die 80 Minuten dauernden) Platten zwar eine Fülle an brauchbaren Liedern; gleichzeitig waren die Alben zu heterogen und überfrachtet, um an frühere Meisterwerke wie „Boys for Pele“ anschließen zu können. Vor allem „The Beekeeper“ versprach mehr, als die Scheibe zu erfüllen vermochte.

Im Jahr 2009 kam dann das wesentlich konzisere „Abnormally Attracted To Sin“, ein Konzeptalbum, welches weniger durch Werbung und mehr durch den musikalischen Inhalt bestach. Um ihren Vertrag mit Universal Republic zu erfüllen, ließ Amos im selben Jahr sogar einen Weihnachtsalbum folgen; trotz verständlicher Abneigung gegenüber solch offensichtlich kommerziellen Unternehmungen hört sich „Midwinter Graces“ stellenweise recht gut an. Amos kehrte darin zu ihren ursprünglichen Stärken zurück – Klavier und Komposition um das Klavier herum, sowie wiederholter Einsatz ihrer früheren „Hauptwaffe“ Cembalo.

Für „Night of Hunters“ bereitete Amos mehrere klassische Kompositionen zu, verlieh ihnen eigens geschriebene Texte und vertönte sie so, dass man teilweise nicht zum Original durchdringt. Dennoch sind es keine bloßen Verjüngungen vergangener Grosstaten Anderer, sondern eher sehr persönliche Interpretationen, die dadurch den unverwechselbaren Sound Amos’ erhalten. Der Opener „Shattering Sea“ zeigt vor, wie sehr sich Amos in der klassischen Musik zu Hause fühlt und leitet eine kompakte Auseinandersetzung mit der Klassik ein. Dass Amos auf vier Nummern ihre mittlerweile elfjährige Tochter Natashya zum Mitsingen einlud, stieß manchem Kritiker sauer auf. Bereits nach dem ersten Anhören von „Job’s Coffin“ oder „Cactus Practice“ ist allerdings klar, dass „Tash“ eine Bereicherung für dieses Konzeptwerk ist. Auch wenn Klavier/Cembalo die Hauptinstrumente und Markenzeichen der Künstlerin sind, kommen auf „Night of Hunters“ mit dem Einsatz vom Apollon Musagete Quartett die Streicher besonders gut zur Geltung. Eine weitere Stärke des Albums ist die immer wieder verspielt ins Geschehen eingreifende Klarinette, gespielt vom jungen Wiener Klarinettist Andreas Ottensamer (sonst bei den Berliner Philharmonikern zuhause).

Amos spannt Werke von ca. 400 Jahren klassischer Vergangenheit in diese ungewöhnliche Platte; meine persönlichen Favoriten „Nautical Twilight“ und „Battle of Trees“ sind durch Werke von Künstlern wie Eric Satie oder Felix Mendelssohn inspiriert. Ein weiterer Anspieltipp wäre „Fearlessness“, Amos’ Variation auf die „Orientale“ des spanischen Komponisten der Jahrhundertwende Enrique Granados.

Jedenfalls ist „Night Of Hunters“ ein Augen- und Ohrenöffner für alle, die Tori Amos ob ihres durchwachsenen Jahrtausendbeginns nur mehr skeptisch betrachteten – es ist eine Platte, die im Ohr bleibt, und sie hat kaum Schwachstellen. Ob es in dieselbe Richtung weiter gehen kann, ist eine berechtigte Frage; oder überrascht Amos wieder mal mit was Neuem?
 

Trackliste

  1. Shattering Sea
  2. SnowBlind
  3. Battle of Trees
  4. Fearlessness
  5. Cactus Practice
  6. Star Whisperer
  7. Job's Coffin
  8. Nautical Twilight
  9. Your Ghost
  10. Edge of the Moon
  11. The Chase
  12. Night of Hunters
  13. Seven Sisters
  14. Carry
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