cover front

Über die Bedeutung, welche Siouxsie & the Banshees für die Gothic-Bewegung, aber auch für Punk und für moderne Musik überhaupt haben, ist es müßig zu schreiben. Nur so viel sei gesagt: Nach manchen Überlieferungen war es die Sängerin der legendären Band, Siouxsie Sioux höchstpersönlich, die der Szene ihren Namen gab; in den frühen Achtzigern soll sie in einem Interview den Musikstil der Band mit „gothic“ benannt haben. Die Dekade des Punk, New Wave, New Romantics haben die Banshees jedenfalls geprägt und mitgestaltet. Neben den musikalischen Einflüssen war (und ist) besonders die Frontfrau mit ihrem Aussehen und ihrer Kleidung für der Szene stilprägend geworden. Ob zerrissene schwarze Strümpfe, Spikes, Ketten, Überdosis Cajal oder Irokesenhaarschnitt, all das fand sich bereits vor 1980 bei Siouxsie Sioux. Auf eine solche musikalische und stilistische Rolle können in diesem Bereich vielleicht nur noch The Cure verweisen.

Nachdem die Band bereits auf zwei Jahre außergewöhnlicher Gigs und auch außermusikalischer Aufmerksamkeit zurückblicken konnte, war es 1978 so weit, die erste LP von Siouxsie & the Banshees würde am 13.11.1978 erscheinen. Das von der Underground-Szene Londons ungeduldig erwartete Debüt der Band um die innovative Frontfrau Siouxsie Sioux hat die Fans nicht enttäuscht, auch wenn es mit 39 Minuten Länge vielleicht etwas kurz geraten war. Die erste Singleauskoppelung, Mirage, ist ein schnelles Gitarrenstück über mediale Illusionen – ein Thema, das von Siouxsie noch öfters aufgegriffen wird. Um der öffentlichen Aufregung zu entgegnen, die wegen einigen von Siouxsie getragenen Symbolen entstand (etwa ein Swastikakreuz), schrieb die Band das Lied Metal Postcard (Mittageisen). Eine Version des Liedes wird dann mit komplett deutschem Text ein Jahr später aufgenommen. Die Vorwürfe, man verehre Nazisymbole ebbten erst später ab, als die Band auch das Stück Israel veröffentlicht. Sowohl Metal Postcard als auch Israel gehören zu den besten Stücken, die Siouxsie interpretierte. Besonders Metal Postcard besticht durch kompromissloses, minimalistisches Arrangement mit beeindruckendem Gitarrenriff, der von Siouxsies fast jaulender Stimme eher geführt als begleitet wird. Gegen Ende des Liedes verstärkt sich der Dualismus Stimme/Gitarre und steigert sich in ein Paar kurze Schreie der Sängerin, die das Lied zu einem perfekten Abschluss führen.

Die hohe künstlerische und interpretative Qualität hält sich durch die ganze Platte. Dabei entfalten sich die Stärken der Band erst nach dem kurzen einführenden Instrumentalstück Pure so richtig. Jigsaw Feeling etwa besticht durch eine am Rande der Distorsion spielende Gitarre, während die Stimme der Frontfrau etwas außerhalb des Zusammenspiels ihrer Kollegen zu sein scheint. Textkritisch gesehen sind die Banshees eher eine Band der Andeutungen, als eine, die simple Wahrheiten verkünden würde. Jigsaw Feeling dreht sich jedenfalls um psychische Zustände zwischen Ruhe und Zersplittern: “One day I'm feeling total, the next I'm split in two, My eyes are doing somersaults, staring at my shoe”. Eine vielleicht unerwartete Coverversion findet sich auch auf „The Scream“: das Lennon/MacCartney-Stück ”Helter Skelter“ – für Freunde gepflegten Punksounds sicher eine Erleichterung gegenüber dem fahlen Popstückchen, welches U2 aus demselben Lied gemacht haben.

Ein weiteres Highlight des Albums ist das überaus lustige Carcass, das mit Bildern aus einem Schlachthof spielt und sogar über Heinz-Ketchup sinniert. Das längste (und letzte) Stück auf dem Album ist Switch, welches gemeinsam mit dem vorletzten Lied Suburban Relapse eine dunklere Stimmung erzeugt, als die vorher gereihten Lieder. Vor allem Suburban Relapse erzeugt ein Gefühl für das (im Text auch bearbeitete) Vorstadt-Frustgefühl: „[Should I] Throw things at the neighbours, expose myself to strangers? kill myself or...you?“. Die Originalversion der späteren Sigle Overground befindet sich auch auf „The Scream“ – vielleicht das beste Stück auf dem ganzen Album. Mit wiederholtem, einfachem Gitarrenriff, einem moderaten Schlagzeugeinsatz und einer grübelnden Basslinie hätte das Lied doppelt so lang werden dürfen, es würde nichts von seinem Effekt verlieren. Der von Gründungsmitglied Steven Severin beigesteuerte Text ist ein weiterer gelungener Kommentar auf die für die kommenden Achtzigerjahre so wichtigen Fragen der Identität und Zugehörigkeit innerhalb der modernen Gesellschaft. Das Lied wird dann mit einem Orchester neu aufgenommen und 1984 auf der sehr guten EP „The Thorn“ neu verlegt. Als Single veröffentlicht, erreicht das „aufgeputschte“ Overground den 47. Platz in den englischen Charts.

The Scream war zweifellos ein würdiger Anfang für Siouxsie & the Banshees. Im Laufe ihrer Karriere wird sich der Sound der Band deutlich verändern und vom Punk Richtung Gothic, auch sogar Alternative Rock verschieben. Dennoch bleiben die hohe Qualität der Lieder und die charakteristische Stimme der überaus charismatischen Frontfrau Konstanten auf dem Langen und dankenswert produktiven Weg von Siouxsie & the Banshees bis zu ihrer Auflösung 1996, 20 Jahre nach der Gründung.

Trackliste

  1. Pure
  2. Jigsaw Feeling
  3. Overground
  4. Carcass
  5. Helter Skelter
  6. Mirage
  7. Metal Postcard (Mittageisen)
  8. Nicotine Stain
  9. Suburban Relapse
  10. Switch
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