Über Mister Waikiki, Blümchen und den wahren Satan

Mera Luna 2006Wenn man sich an vergangene Festivalzeiten erinnert, so scheint es, als definiere man das jeweils vergangene Jahr über das Wetter:
2004: „Ah, das war damals, als es so heiß war!“
2005: „Genau, das Jahr, in dem es nur geregnet hat!“ usw.
Folgerichtig könnte es über das Mera Luna 2006 heißen: „Das Jahr, indem das Wetter perfekt war.“ Tatsächlich gab es weder brütende Hitze am schattenlosen Zeltplatz noch den sonst obligatorischen Matschzustand, und bis auf einen kurzen Sonntagsschauer blieb es dieses Jahr zur Freude der 22.000 Besucher absolut trocken.
Man mag meinen, der ständige Wettertalk sei etwas großmütterlich angehaucht. Nichtsdestotrotz ist gerade bei einem Festival, das zu einem Großteil von sehr stylingfreudigen Besuchern frequentiert wird, die Gutmütigkeit des Wettergottes nicht gerade unerheblich.

Abseits der meterologischen Voraussetzungen lief auch organisatorisch alles glatt. Ein Vorteil des M’Eras ist dessen gute Erreichbarkeit. Festivalgelände, Zeltplatz und Parkplatz befinden sich nahe beisammen auf einem Flugplatz und zwei Autoeinfahrten verhindern, dass Spätankömmlinge, zu denen man als Österreicher ja tendenziell gehört, ihr Hab und Gut allzu weit schleppen müssen. Kurzfristig entschlossene FestivalpilgerInnen können ihr Ticket bequem an den Verkaufsstellen vor Ort erwerben. Achtung jedoch bei den Öffnungszeiten: Wer plant, mitten in der Nacht einzutreffen, dem sei empfohlen, seine Karte bei der Anfahrt bei einer Vorverkaufsstelle zu kaufen.

mera luna PublikumEbenfalls erfreulich waren die stets pünktlichen Spielzeiten, die ein Stage-Hopping einfach machen, geringe Wartezeiten am Festivalgelände und bei der Bändchenausgabe (wer Leipzig gewohnt ist, kann ein anderes Lied singen) sowie eine freundliche und unkomplizierte Security.
Nebst den Duschcontainern gab es auch ein Duschzelt, bei dem die Wartezeiten praktisch immer gegen 0 gingen und dennoch warmes Wasser vorhanden war.

Die Shoppingmeile am Gelände ermöglicht, Konzert- und Einkaufssucht zu verbinden: Neben den bekannten Bekleidungsanbietern gab es dieses Mal auch die ein oder andere Kuriosität: Für 1 Euro konnten sich Interessierte in einem Sarg fotografieren lassen, das ganze liegend und auf nicht unbedingt stilgerechtem Festivalrasen, aber immerhin.
Wem das nicht ganz so zusagte, der konnte Korsetts in den mitunter schrillsten Farben erwerben (z.B. bei Hellsinki (www.hellsinki.de), die besonders farbenfrohe Kreationen ausstellten. Ob hinter dem ungewöhnlichen Design „Rosa Muffin mit Totenköpfen“ ein neuer Subkultur-Trend steckt, wird sich wohl erst herausstellen. Wer Kitsch, ungewöhnliche Accessoires oder eine große Korsettauswahl sucht, der ist hier aber mitunter gut beraten.

Zwischendurch gab es aber das ein oder andere geschmackvollere Schnäppchen zu erwerben, denn einige Händler hatten anlässlich des Festivals Sonderpreise. Und wem das auch zu teuer ist, der kauft sich eben einen Button (oder „Batten“, wie wir auch auf einem Schild entdeckten) – davon gibt es nämlich immer mehr, als Mensch Taschen hat. 

Samstag

mera lunaErste Erkenntnis am Morgen: Bier ist tendenziell billiger als Kaffee. (auf dem M’Era steht das Verhältnis 2,50 zu 3,50 Euro).
Abgesehen von den etwas überteuerten Kaffeepreisen kommt man aber kulinarisch und preislich sehr wohl auf seine Kosten: sowohl innerhalb als auch außerhalb des Geländes gibt es genügend Imbissbuden und Möglichkeiten, sich den Bauch vollzuschlagen (und Döner macht laut der Eigenwerbung eines Standes auch schöner).
Weiters gab es im Shisha-Zelt, das dieses Mal nicht direkt im Gelände sondern am Zeltplatz zu finden war, um 6 Euro Wasserpfeife + Apfeltabak bzw. Pfefferminztees zu kaufen.

Vom Festivalzeltplatz aus sind die gerade auftretenden Bands ebenfalls zu hören, was einem die Möglichkeit bietet auch in unbekanntere oder früh auftrendende Bands einmal hineinzuhören. Vorausgesetzt, eine Gruppe Schweden startet nicht eine musikalische Revolution in Eingangsbereich, wie es an beiden Tagen der Fall war. Mit CD-Player und Nationalflagge ausgestattet, zeigte eine ausgelassene Gruppe am Nachmittag der schwarzen Gemeinde, was fröhliche Musik ist. Erschreckenderweise identifizierten wir folgende herzzerreißende Clubkracher, die die These, es handle sich beim M’Era um ein eindeutiges Grufti-Festival, fast schon wiederlegen:
Modo: 1 2 Polizei; Vengaboys: Boom boom boom boom; Unique 2: There’s no limit; Scatman John: Scatman; Blümchen: Heute ist mein Tag (mehrmals!); La bouche: Be my lover; Bloodhount gang: Diverses

Erfreulicherweise gibt es aber einige Highlights unter den Liveauftritten und inzwischen rocken Girls under Glass auf der Hauptbühne. Anlässlich des 20jährigen Bestehen des Trios holte sich Frontman Volker Zacharias einige Gastsänger auf die Bühne: Originalsänger Tom Lücke tritt mit „Flowers“ auf, Eric Burton von Catastrophe Ballet wirft Bierdosen ins Publikum und bringt im Duett „Burning Eyes“, Oswald Henke (Goethes Erben) singt „Du Tier“ und Peter Spilles von Project Pitchfork schafft es schließlich doch noch zeitgerecht auf die Bühne zu kommen und „Ohne dich (schaff’ ich es nicht)“ zum Besten zu geben. Auch das bekannte Cover „Frozen“ (Madonna) darf schließlich nicht fehlen.

Die Krupps spielten gegen 17.00 auf der Hauptbühne. Auch hier haben wir es mit einem Jubiläum zu tun, man feierte das 25jährige Bestehen mit den Urmitgliedern Dörper und Engler. Die Frühphase der Band zog sich durch das gesamte Konzert, Sound und Stimmung waren hervorragend und Klassiker wie „Fatherland“ und „To the Hilt“ durften gegen Ende nicht fehlen. Mit alten Herren hat man es hier jedenfalls auf keinen Fall zu tun.

mera lunaDas Line Up auf der Hauptbühne gab sich bis auf den Einschub von Blutengel samstags eher retrolastig.
Die Elektro-Band rund um Frontman Christian Pohl (Terminal Choice, Seelenkrank…) setzt auf Visuelles und agiert auf der Bühne mit zwei Egelstänzerinnen in weiß, der Sänger selbst steht behandschuht im Sakko bedeutungsschwanger auf der Bühne.
Eine Dame in Rot, acht Tänzerinnen im Nonnenkostüm, die sich entkleiden, ein Thron, Feuerwerk und diverse Schlangen bilden die Schauspielkulisse, mit der der „Master of Darkness“ böse guckend und im weißen Hemd seine Texte untermalt.
Schließlich entfachen Männer in Kutten das Feuer, eine blutbeschmierte Stringtangaträgerin bewegt sich zu den mir unbekannten Hits und wird schließlich als Leiche weggetragen (der Todesursache kann ich mich nicht mehr entsinnen). Die Kuttenmenschen, die Kreuze neben den weißen Unschuldsdamen halten, drehen diese um und kurzfristig ist nicht mehr klar, ob die Band mit ihrem Konzept im Black-Metal-Genre Anleihen genommen hat oder gar in dessen Fußstapfen tritt.
Dem Publikum jedoch gefällt’s, altbekannte Symbolik scheint immer noch zu wirken und ich mutmaße, dass die Hälfte des Publikums nur hier ist, weil ein Lachkrampf doch auch hin und wieder etwas Gutes hat.

Unmittelbar danach folgt der Auftritt der kanadischen Industrial-Legende Front Line Assembly, die nach langer Live-Pause eine Europa-Tour absolvierten. Nachdem 2002 auf dem Wave Gotik Treffen das damalige Konzert von einem Playbackduo absolviert wurde, gab es dieses Mal den echten Bill Leeb zu bewundern. Die Band spielte eine gute Mischung aus Werken der Vergangenheit und Gegenwart und Songs vom neuen Album „Artificial Soldier“. Streckenweise kamen 3 Drums zum Einsatz und die Menge ließ sich besonders von Stücken wie „Gun“ oder „Bio-Mechanic“ mitreißen. Insgesamt hätte die Performance meiner Meinung nach durchaus noch mit etwas mehr Einsatzfreude angereichert werden können, was aber wohl eher an der Ausstrahlung des Frontmans als an der Spielfreudigkeit der Bandmitglieder liegen mochte. Alles in allem aber dennoch eines meiner persönlichen Highlights des M’Era Lunas.

Douglas McCarthy und Bon Harris alias Nitzer Ebb folgten als weiterer Kult-Act, der oft im Zusammenhang mit der Entstehung von EBM genannt wird.
Man startete mit „Getting Closer“ und ließ keinen Klassiker aus. „Control I’m here“, „Let your body learn“ und „Join in the Chant“, um nur einige zu nennen, setzten den Auftritt ins Licht einer „old favourites-Tour“. McCarthys Stimme ist nach wie vor kräftig und auch dieser Auftritt einer älteren Formation schien an diesem Tag jüngere Bands in den Schatten zu stellen.
Das Set war im Großen und Ganzen ähnlich wie auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig und an Zugaben wurde nicht gespart („Fun to be had“ und „Family Man“).
Als Bühnendekoration dienten wieder die Plakate mit der seit 1987 verwendeten Bezeichnung NEP (Nitzer Ebb Product), deren Logos Assoziationen zur New Economic Policy nicht verschleiern wollen. 

Sonntag

Wir starten den Tag mit den Holländern Clan of Xymox, die auf der Hauptbühne ein sympathisches Konzert darboten.
Die sowohl aktuellen als auch alten Tracks („There’s no tomorrow“ oder „Jasmine and Rose“) kamen beim Publikum trotz der frühen Startzeit (12.20 h) gut an, das Set war sehr abwechslungsreich gewählt. Wer die Band um Ronny Moorings und sein Team, die schon sehr lange in der Szene aktiv ist, noch nicht kennt und auf die Mischung von wavingen Gitarren und Elektronik steht, sollte hier auf jeden Fall einmal reinhören.

Nachmittags gegen 16 h mutiert die Schlange vor dem Sonic-Secucer-Autorgrammzelt zu einem Riesenwurm. Erste Mutmaßungen verdächtigen Thomas Rainer von L’Ame Immortelle, der dort um 17 h Autogramme gibt, der plötzlichen Vermehrung. Eine ausgiebige Befragung des Wurms kann jedoch ASP, der um 16 h an der Reihe ist, als wirklichen Auslöser des plötzlich auftretenden Autogrammwahns ausfindig machen. Von ebenjener Band werden auch Flyer verteilt, die deren „Ich bin ein wahrer Satan-Tour“ bewerben. Wir finden die ganze Szenerie mehr oder weniger kurios und merken uns vor, vielleicht einen Blick in den Hangar zu werfen, wenn ASP dort als Headliner auftreten wird.

Am späteren Nachmittag überraschen Apoptygma Berzerk mit ihrem Auftritt. „Synthiepop anyone?“ fragen die Norweger, spielen quer durch alte Hits und verbreiten positive Stimmung. So manchem mag das gar zu positiv sein, so mancher findet das schrecklich langweilig, aber wer ein eingängiges Konzert mit guter Synthie-Stimmung möchte, ist hier genau richtig. Auch der Regen hält aus, sodass sich schließlich vor dem Auftritt von Ministry der Platz vor der Hauptbühne noch einmal mit Menschen füllt.

Was soll man sagen?
Ministry ist eine Liveband, die ihresgleichen sucht. Zumindest, wenn man Instustrial-Metal mag und auf brutaleres Songwriting steht.
Der Auftritt bestach vor allem durch Lautstärke (ich vermute, man hatte selbige auch etwas angezogen) und die Stimmung im Publikum: Die hübsche Dame vor mir shaked sich ohne Rücksicht auf Verluste ab, während sie zwischendurch ihren Kebap mampft. In den ersten Reihen sollte man nur stehen, wenn man hüpfen und gröhlen mag. Der Bassist trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „G W Bush is fuck“ und spielt mit der Kamera, lenkt sie ins Publikum und interagiert mit seinen Fans.
Mit der Arroganz von Rockstars, die wissen, wie man Konzerte gibt und klassisch-anti-imperalistischen T-Shirts (ein Stopzeichen mit Bush-Aufschrift, eines der Band Lynyrd Skynyrd – eine US-Band, die als Vertreter des Southern Rock Hits wie „Sweet Home Alabama“ hervorgebracht hat) werden natürlich auch die alten Hits wie „Just one Fix“ oder „Thieves and Liars“ zum Besten gegeben, auch „Jesus built my Hotrod“ darf nicht fehlen.

Unmittelbar danach (die Spielzeiten im Hangar sind meist so gewählt, dass man nach dem Gig auf der Hauptbühne noch überwechseln kann) spielen De/Vision in einem etwa halbvollen Hangar als weitere Vertreter der Snythpop-Fraktion.
Die Berliner, die oft mit Depeche Mode verglichen werden, geben ein durchwegs sympathisches Konzert, das allerdings nicht mehr an die Kraft früherer Live-Auftritte erinnert, sondern eher durch gefühlvolle Synthie-Balladen zu punkten versucht.
Großteiliges Schunkeln der Besucher zeigt aber, dass diese dem behutsameren Songwriting durchaus etwas abzugewinnen wissen und De/Vision geben trotz kleineren Problemen mit dem Mikro eine sehr eingängige, leichtfüßige Performance.

Gleich anschließend folgt meine (persönliche) Warnung: ASP spielen als Headliner im Hangar.
Ein sehr dunkel gestylter Glatzkopf agiert auf der Bühne vor einem schwarzen Schmetterling und präsentiert Songs, die sich irgendwo zwischen einer Mischung aus neueren Lacrimosa, Nosferatu, Umbra et Imago und Musikantenstadl bewegen.
Ganz im Einklang mit dem Motto der Tour hören wir Lieder wie „Ich bin ein wahrer Satan“ und „Besessen“.  Ich versuche, zwecks Austreibung der Besessenheit aus zwei leuchtenden Knicklichtern, die ich bei mir habe, ein Kreuz zu formen und halte es in Richtung des Sängers, der mir ein wenig entgegenlächelt.
Bei der neuen Auskopplung „Sing Child“, das mit einer Art Chor beginnt und im weiteren Verlauf rockig-elektronischer und sogar leicht mittelalterlich wird, schunkelt das Publikum freudig mit. Grundsätzlich ist diese Kombination verschiedener Stilrichtungen nicht uninteressant, ich jedenfalls habe keine Ahnung, wie ich sie definieren soll, vielleicht ist aber genau das ein Schlüssel zum Erfolg dieser Band.
Das Geklatsche ist mittlerweile hangarfüllend, die Single „Die Stille der Nacht“ hat ebenfalls Schlager-Qualitäten. Wir verlassen, bevor das Sinnieren über guten Musikgeschmack uns in ungute Stimmungen zu drücken vermag den Hangar zu Within Temptation, die sich im Vergleich zu früheren Live-Auftritten durchaus verbessert haben, aber nur für Metal-Liebhaber mit erhöhtem Faible für schrillen Frauengesang zu empfehlen sind.

Anschließend gibt es vor dem Aderlass-Zelt die schon bekannte Elektroparty und der Bereich vor den Verkaufständen verwandelt sich in eine Tanzfläche.
Fast zeitgleich geht es auch im Shisha-Zelt, das bis in die späte Nacht geöffnet hat, rund: Eine Besuchergruppe organisiert dort eine Art Miss-Wahl mit Herzblatt-Dramaturgie: Drei Männer treten in der Kategorie „Miss Waikiki“ an und vollführen halbnackten Striptease in Korsett und Strümpfen, dirigiert von einem angetrunkenen Moderator, der den Ablauf zu planen versucht. Auch die Security zeigt sich interessiert, mittendrin legt ein Mädchen, welches alles und jeden zu küssen versucht, einen rasanten Stangentanz an der Zeltstange hin, bevor es von der Security gestoppt wird und es mit der Kategorie „Mister Waikiki“ weitergeht. Dabei treten drei Damen an, die gewissenhaft Fragen wie „Was würdest du tun, wenn du nur mehr einen Tag zu leben hättest“ beantworten, im Gegensatz zu den Männern aber keinen Strip hinlegen.

Die Nacht klingt ohne das sonst alljährlich zelebrierte Containertrommeln, dafür aber mit einigen privaten Parties aus.
Wer schlafen will, kommt dieses Jahr auch am letzten Tag nicht ohne Ohropax aus, wer feiern will, hingegen voll auf seine Kosten.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung auf sehr festivaltauglichem Schauplatz, das die unterschiedlichsten BesucherInnen anzieht und hoffentlich auch nächstes Jahr wieder eine hochkarätige und breitgefächerte Bandauswahl zu bieten haben wird.