Kaum dem Flugzeug freitags entstiegen, bietet sich uns dasselbe Wetter wie in Wien: bewölkt und drückend hohe Luftfeuchtigkeit. Mit dem Zug erreichen wir prompt das Stadtzentrum, wo erst einmal das Einchecken in die Unterkünfte erledigt wird. Beim Stadtbummel wird nicht nur obligatorisch der Dom, sondern auch der außergewöhnliche Senfladen in einer der Seitengassen besucht. Beim wirklich hervorragenden Mittagessen in „Farmer’s Steakhouse“ ziehen meine Begleiter über das Gebräu namens „Kölsch“ her. Als wir uns langsam auf den Weg zur Bändchenabholung machen, bietet sich uns vor dem Hauptbahnhof der Anblick eines massiven und noch wachsenden Polizeiaufgebotes. War etwa die Warm-Up-Party im „Alten Wartesaal“ gefährdet?

Auf Nachfrage bei einem Polizisten wird uns erklärt, dass hier keine Fuhrparkpräsentation der Kölner Polizei, sondern eine angemeldete Demonstration stattfinden würde, die jedoch um 19 Uhr enden sollte. Ein wenig beruhigter überqueren wir die Hohenzollernbrücke Richtung Tanzbrunnen. Diese ist am Geländer über und über mit Schlössern behängt. Es ist an diesem Ort nämlich Tradition, dass Liebende ein graviertes Vorhängeschloss am Brückengeländer befestigen und den Schlüssel in den Rhein werfen, damit die Liebe ewig halten möge. Das Lesen der Gravuren ist durchaus auch unterhaltsam.

Die Abholung der Festivalbändchen läuft schnell und unkompliziert über die Bühne. Und die Demo? Die ist äußerst friedlich und nicht gerade groß, jeder Demonstrant hat seinen persönlichen Polizisten.

Kurz nach Öffnung des „Alten Wartesaals“ stehen wir bereits vor dessen Pforten, weil uns schon die Erfahrung gelehrt hat, dass es hier ziemlich schnell ziemlich voll wird und hier doch die Lokalkapazität mehr berücksichtigt wird als die Einnahmen durch den Eintrittspreis.
Wie schon im Vorjahr steht der große Saal unter dem Motto „Depeche Mode“, der kleinere Raum wird überwiegend mit Elektro und Technoidem beschallt. Wie schon im Vorjahr schätzen wir die Mischungen der Barkeeper: Gelegentlich kann das Verhältnis beim Vodka-Lemon schon Halbe-Halbe erreichen. Wie prognostiziert ist das Lokal recht rasch ausgelastet und nicht nur die Atmosphäre ist am Kochen. Da wir doch wesentlich mehr Zeit aktiv auf der Tanzfläche als beim gemütlichen Sitzen und Trinken verbracht haben, verlassen wir schon kurz vor halb 2 die Lokalität.

Am Samstag stehen wir bereits vor 12 Uhr beim Eingang auf das Festivalgelände. Wie üblich herrscht am Gelände Glasflaschenverbot, die leere Plastikflasche habe ich aber schon in der Tasche, da kurz nach dem Eingang ein Trinkwasserbrunnen steht (bei dem die Warteschlange durchaus beachtliche Ausmaße annehmen kann). Auf der anderen Seite gibt es einen Bankomaten sowie recht tückische Schließfächer, die die eingeworfenen Münzen nicht zurückgeben wollen.

Zu unserer Linken befindet sich das Theater, in dem nachmittags Präsentationen und Vorträge stattfinden, abends ein paar Konzerte und nächtens dann die „After-Party“ läuft. Aufgrund physischer Probleme zieht es mich erstmal vorbei am Theater und den Ständen mit Fressalien zu den Shops mit Schuhen (und zum Schaden kam der Spott dazu). Während meine Füße ob des neuen Untersatzes frohlocken, beginnen „The Wars“ auf der Hauptbühne zu spielen. Da man die Acts auf der Hauptbühne gut über das Gelände (ok, über den Platz) hören kann, inspizieren wir in Ruhe die Stände mit Gewand, Schuhen, Accessoires, Tonträgern und Merchandise. In der Mitte des Platzes, also im Tanzbrunnen, hat sich wie üblich X-Tra-X mit seinen Waren breitgemacht.

Der letzte Schrei in diesem Jahr sind die „Uneilig“-Shirts mit einer niedlichen Schnecke darauf, die verrät, sie ist „Geboren um zu kleben“. Pikanterweise erfahre  ich, dass der werte Graf an diesem Tag tatsächlich in Köln ein „Gegenkonzert“ veranstaltet, da ihn keiner aufs Amphi eingeladen hat. Eine Runde Mitleid …

Im Seitenflügel des Staatenhauses sind ebenfalls zahlreiche Stände, die jedoch eher das Cyberpublikum ansprechen. Am Amphistand ergattere ich Postkarten der letzten Amphis sowie eigens bedruckte Schokoladen.
Pünktlich stehen wir vor der Hauptbühne, wo Spetsnaz mit ihrem Auftritt beginnen. Eine durchaus gute Show, die nicht nur mich daran hindert, ruhig stehen zu bleiben sondern zum Tanzen animiert. Danach finde ich endlich einmal die Gelegenheit, mir den Schwarzen Strand anzusehen, der zahlreiche Liegestühle, Bänke und sogar Betten zum Erholen bietet. Und das Wetter lässt es heuer auch zu, das Angebot zu nützen. Zwar ist der Himmel noch immer trüb und der Wind kühl, aber es ist vor allem eines: Trocken.

Während Mind.In.A.Box spielen, entspannen und plauschen wir mit anderen Besuchern.

Gerade noch rechtzeitig reihen wir uns in die lange Warteschlange ein, die vor dem Theater auf den Einlass für Spiritual Front wartet. Das Konzert ist bestuhlt und die Atmosphäre wirklich schön. Simone Salvatori versteht es, das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Kurz nach Verlassen des Theaters dringt die erste Nummer von Camouflage an unsere Ohren, die auf der Hauptbühne ihre Werke vortragen. Meine Begleitung verlangt es nach richtigem Bier (ja, es gibt dort nicht nur Kölsch!) und wir lauschen dem Konzert von einer der Steineinfassungen des Tanzbrunnens aus. Der Himmel ist aufgerissen, die Sonne scheint und ich benutze den Regenschirm um mich gegen ihre Strahlen zu wappnen.

Danach erwachen meine Glieder plötzlich und wir schieben uns so weit wie möglich der Hauptbühne entgegen. Kurze Zeit später ist es soweit: Die ersten Töne erklingen, und als Alexx die Bühne betritt, springt das Gekreische des weiblichen Publikums um einer Oktave in die Höhe. Eisbrecher sind einfach wie immer: „Der Checker“ lebt gekonnt die Rampensau und reißt die Anwesenden mit.  Selbstverständlich wird auch „Miststück“ zum Besten gegeben. Nach der letzten Nummer „Die Hölle muss warten“ verlasse ich mit Herzchen in den Augen und heiserer Stimme den Platz vor der Hauptbühne.

Von einem gemütlichen Platz  abseits verfolge ich die Show von The Sisters Of Mercy – soweit denn etwas zu erkennen ist, denn deren Lieblingsspielzeug, die Nebelmaschine, läuft auf Hochtouren. Akustisch ist es auf jeden Fall ein einwandfreier Auftritt.

Da dies das letzte Konzert auf der Hauptbühne ist und danach die Massen das Staatenhaus stürmen würden, verlassen wir schon kurz vor Konzertende unsere Plätze. Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass ich etwas gar nicht so Unwesentliches bisher vergessen habe: Essen. Also hole ich mir frisch gemachte Waffeln mit Erdbeeren und zufrieden mampfend folge ich meiner Begleitung ins Staatenhaus.

Dort ist der Auftritt von Apoptygma Berzerk bereits in vollem Gange. Die Bässe wummern und Kathys Song lässt nicht nur mein Herz höher schlagen. Jedoch melden sich meine Füße wieder recht deutlich und wir genießen das Ende des Konzertes von den Bänken im Seitenflügel des Staatenhauses. Mit Müdigkeit in den Knochen beschließen wir, uns noch eine „Spezialmischung“ der Barkeeper zu gönnen und den Tag abzuschließen. Von recht aussagekräftigen Quellen erfahre ich am nächsten Tag, dass ich eine wahrlich grauenvolle Darbietung von DAF verpasst habe.

 

Am Sonntag ist die Tagwache genauso zeitig wie am Vortag, man will ja das Frühstück nicht verpassen. Auf dem Weg zum Festivalgelände werden wir von Einheimischen einige Male interessiert gefragt, zu was für einer Veranstaltung wir den unterwegs wären. Auf die freundliche Auskunft hin erhalten wir durchwegs positive Reaktionen (auch auf unser Outfit).

Um 12 Uhr starten auf der Hauptbühne Lord Of The Lost. Ähm … ja. Optisch ja recht nett anzusehen, mit den Klängen aus den Boxen kann ich mich leider nicht besonders anfreunden. Da das Wetter sich von seiner schönsten Seite zeigt – sonnig, sanfter Wind und nicht zu heiß – nutzen wir den Schwarzen Strand und genießen den Ausblick auf den Rhein. Der Blick Richtung „VIP Lounge“ verrät, dass man gerade nichts versäumt, wenn man nicht dort ist.

Endlich schaffe ich es, mir einen Vortrag vom Dauerbrenner des Amphis anzuhören: Dr. Mark Benecke, deutscher Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie. Da er denselben Vortrag sowohl am WGT als auch am Amphi und M’era Luna hält, bei den anderen Festivals jedoch mehr als doppelt so viel Zeit hat, bekommen wir eine stark komprimierte Variante davon zu hören. Sein Sprachtempo ist wirklich schnell, jedoch noch immer verständlich und seine Scherze kommen auch schnell geschossen noch an (dafür gibt es natürlich auch nur kurze Lacher des Publikums, man möchte ja nicht seine Redezeit mit Lachen verschwenden). Das Theater ist knallvoll, draußen beginnen gerade Stahlzeit, die Rammstein ihren Tribut zollen, wie die krachenden Klänge bis ins Theater hinein verraten.

Nach diesem spritzigen Vortrag organisieren wir uns etwas zu Essen. Bezeichnet wurde das Ding als Hot Dog, ob dieses Weckerl mit in Senf ertränkter Wurst, Essiggurkerl und Unmengen an Röstzwiebel bei uns als solcher durchginge, sei dahingestellt. Es ist auf jeden Fall recht sättigend.

Auf der Hauptbühne werden uns kurz nach 16 Uhr die Crüxshadows angeboten. Rogue präsentiert wie üblich nicht nur seine Gesangs- sondern auch seine Kletterkünste und erfreut das Publikum.

Mir springen zahlreiche gerötete Schultern und ungesund rote Gesichter ins Auge. Es scheint, als hätte heuer keiner mit einem so ungruftigen Wetter gerechnet. Unter den Besuchern sind weniger Cyber als die vergangenen Jahre, wie mir scheint. Auch bei den Verkaufsständen ist der Neonklumpert-Trend abgeflaut, stattdessen ist es offenbar mehr In, seinen Nachwuchs mit böse aussehenden Stramplern & Co. auszustatten. Steampunk hingegen ist kaum zu entdecken.

Die geballte Menge vor der Hauptbühne verrät, dass der Auftritt von Mono Inc. naht. Wir setzen uns unter einen Baum im Biergarten und lauschen von der Ferne.

Zu And One begeben wir uns wieder ins Getümmel. Bereits nach den ersten zwei Nummern wundere ich mich über die doch miserable Stimme von Steve, nach der achten verrät er dann – nicht ohne  Stolz – dass er eine Wette gewonnen hat, da er trotz Fieber und Gliederschmerzen gerade den achten Song überstanden hat. Respekt für ihn, dass er so lange durchgehalten hat, dennoch zieht es uns zu Alkohol ins Staatenhaus und nehmen Combichrist in Kauf, die ihr Leuchtstäbchenpublikum befriedigen.

Der finale Act des Abends sind Project Pitchfork, die wieder einmal einen tollen Auftritt hinlegen. Trotzdem wir recht weit hinten stehen, haben wir einen guten Ausblick auf die Bühne und können die Show genießen. Zum Schluss bedankt sich Peter noch für das artige Publikum und schließt das Festival.

Auch heute ist die Lust auf die After-Party nicht wirklich gegeben und verlassen das Gelände erschöpft, aber zufrieden. Der Besuch des Amphi hat sich auch 2012 gelohnt.

Text: Vesperugo, Fotos: Eraserhead

Bandfotos Amphi Festival 2012