Raffele Cerroni ist Mushroom's Patience. Hier im Interview mit Walter Robotka.

Raffaele Cerroni, besser bekannt unter dem Namen seines Projektes als Mushroom's Patience wird Anfang 2013 nach längerer Pause ein neues Album namens "Road to Nowhere" veröffentlichen. Mit dabei: das Tractor Train Orchestra, dessen Hauptakteur kein geringerer ist als Vinz Aquarian von Ballo delle Castagne, Gründer des austro-italienischen Labels HR SPQR. Ein willkommener Anlass, Cerroni zum Thema Mushroom's Patience zu interviewen.

Kannst Du uns etwas über die Gründung und den Beginn von Mushroom's Patience erzählen?

MP kam 1985 in Rom zur Welt, nach den letzten Zügen der Punk-Prog-Band "Lost Generation". Ich selbst kam aus dem Krautrock-Eck, und von der englischen Elektronik-Tradition, die zu der Zeit in Italien nur ganz schwer zu finden war. Progrock war die alles bestimmende Szene. Also habe ich Progrock mit Krautrock und englischer Elektronik vermischt. Ich bin dabei stark beeinflusst gewesen von Bands wie Can, Popol Vuh, Cosmic Jokers, Faust, Cabaret Voltaire, Clock DVA, Tuxedomoon, Genesis, The Spring, Pierot Lunaire, Goblin etc. Zwischen all diesen Bands gibt es eine direkte Verbindung und sowohl der elektronische Touch als auch das theatrale Element habe ich sehr beobachtet.
Das originale Band Line-Up war damals: ich an den Vocals, Gitarre und Keyboards, Stefano Buonamico an der Leadgitarre, Roberto Fiorucci an Bass und Backing Vocals, sowie Gervy Costa als Mime.

 

Bist Du mit den Leuten von damals heute noch im Kontakt?

Ja, so ziemlich schon. Stefano ist streng genommen immer noch Mitglied und wir arbeiten zur Zeit an einem für uns wichtigen Projekt mit einem alten Freund, einem Jazz-Musiker. Er ist eigentlich Schlagzeuger, aber er spielt alles. Wir planen auch ein neues Mushroom's Patience-Projekt, das auf unseren musikalischen Wurzeln basiert. Jazz, Postrock, Prog, Psychedelic, Industrial, und in Zukunft werden wir wieder zu dritt spielen.

Wie würdest Du selber den Stil von Mushroom's Patience beschreiben?

MP ist keinem einzigen Genre zuzuschreiben, denn wir lieben alle Arten von Musik. Für mich bedeutet die Reduktion auf ein Genre Stress, und Leute, die so etwas tun, sind für mich Autisten. Deshalb ist es für mich immer wieder ein Wunder, wenn ein neues Mushroom's Patience Album erscheint! Mein persönlicher Name für unsere Musik ist "Atonal Pop Music" oder "Universal Atonal Erection", das ist aber ein bisschen kakophonisch auszusprechen.

 

Über die Jahre hast Du mit vielen anderen Musikern zusammengearbeitet: Simone Salvatori von Spiritual Front, Clau DEDI von Ain Soph, Jürgen Weber von Novy Svet...

Ja, Simone habe ich entdeckt, weil er ein Fan von Mushroom's Patience war in den frühen Neunziger Jahren. Er kam immer zu den Konzerten, ein langhaariger Typ mit einer Obsession für Death Metal. Er hatte damals eine Band namens "Spiritual Ceremony" und wollte, dass ich "Song for the Will" produziere, also habe ich das erste und Teile vom zweiten Spiritual Front-Album produziert, auch gemeinsam mit Clau DEDI. Im Jahr 2000 habe ich MP nach längerer Pause wieder ins Leben gerufen. Ich hatte mich nach 1985 leer gefühlt, aber Jürgen Weber hat an meine Musik geglaubt und es begann eine Kollaboration. Wir haben ein paar echte Songperlen miteinander geschrieben. Clau DEDI ist ein alter Freund und ich denke, er war die Seele der frühen Ain Soph.

Warum hast Du eigentlich so oft den Stil gewechselt, lag das auch an den Gastmusikern?

Ich habe ja schon vorher einige musikalische Helden von mir genannt. Ich liebe aber auch einige Leute, die für immer Idole für mich sein werden: Roedelius, Klaus Schulze, Mick Carn, Gary Numan, John Foxx, John Fahey.... Ich muss aufpassen, dass ich nicht ganz wichtige Leute vergesse, aber in meiner Jugend habe ich fast obsessiv einige Platten gehört: "Moondawn" von Klaus Schulze, Eno & Cluster, "Mix Up" und "Voice of America" von Cabaret Voltaire oder "No Pussyfooting" von Eno & Fripp.

 

Neben Mushroom's Patience bringst Du auch Solo Musik heraus, unter dem Namen Dither Craf, Was ist der Unterschied zwischen den beiden Projekten?

Es gibt nicht wirklich viele Unterschiede, beides bin ich. Das eine ist mehr elektronisch, das andere mehr akustisch.

Du betreibst auch ein Label, Atropina Manufactory....

Atro.Fact war das Label, auf dem ich Mushroom's Patience begonnen habe, und wo ich auch meinen anderen Spleens freien Lauf gelassen habe. Boxsets, wo ich meiner überschüssigen Energie freien Lauf gelassen habe... Viel zu viel Zeugs, das meiste davon total unbekannt.

 

Eine Deiner Platten heisst ja "Roma, Wien". Was ist die starke Verbindung dieser zwei Städte für Dich?

Wien ist meine große Liebe. Wegen Ultravox! Klingt bescheuert, ist aber so. Für mich ist Wien ein zweites Rom. Ich kann Wien nie vergessen und hoffe, eines Tages hier zu leben. "Roma, Wien" war also eine Liebeserklärung. Romantische Musik von einem Liebenden, haha.

Kannst Du mir noch verraten, was Dich ausserhalb der Musik noch beschäftigt?

Ich liebe es zu malen, ich baue komische Instrumente, sehe gern Flugzeuge landen, mache Fotos, schaue gern zu, wie Häuser gebaut werden. Ausserdem esse ich gerne mit Freunden. gehe gern im Wald spazieren, lese gern und hör mir "Floating" an, während ich Industriegebäude bei Nacht fotografiere. Ich schaue auch gern fern und schlafe viel.

 

Spielst Du gerne live? Wann sehen wir Dich wieder in Wien?

Ich spiele total gerne, bin aber zu faul, Promoter zu kontaktieren also spiele ich eigentlich viel zu selten. Nach Wien komme ich im Jänner wieder und spiele am 26. Jänner (2013, Anm.) in der Xi Bar.

Was bringt uns Mushroom's Patience in der Zukunft?

Zwei sehr wichtige neue Platten im nächsten Jahr! Wenn Gott will, kommt 2014 ein neues Projekt. Immer posthumane Musik!