Sa, 11.Juli 2009 @ Arena Wien
Dr. House in Motion: die Szene, die sich beim Konzert von David Byrne in der Open Air Arena bietet, erinnert frappant an Ärztesendungen aus dem Fernsehen. Der gutaussehende Mann mit graumeliertem Haar, welches ihn als den Oberarzt markiert, und sein zehnköpfiges dynamisches Team von Jungärzten - allesamt in strahlendem Weiß gekleidet - die kaum eine Minute innehalten. Jedenfalls wollen sie uns das mit einem Nachdruck deutlich machen, der die Choreographie-Hampeleien, die das ganze Konzert begleiten, schon wieder ironisch wirken lässt - man denkt fortan an "Scrubs", wobei man den Untertitel "Die Anfänger" weglassen muss. Dieses Team beherrscht sein Fach.
So setzt sich der Assoziationsreigen fort. Der stimmlich noch immer potente Byrne beginnt damit, den Patienten den Verlauf des exakt durchgeplanten, zweistündigen Eingriffes im Vorhinein zu eröffnen. Das hilft, die Ängste abzubauen und das Vertrauen zu wecken. Dann gibt er das allgemeine Kommando, und er und sein Team machen sich hochprofessionell ans Werk. Die Unterstützungsriege besteht zu Hochzeiten aus erwähnten zehn Köpfen, die an Background-Vocals, Schlagzeug, Percussion, Synthesizer, Bass, Gitarren und Tanz teilweise abwechselnd und multifunktional partizipieren. Während im doch größtenteils "Talking-Heads-zeitgenössichen" Publikum die rhythmische Bewegung recht bedächtig angestimmt wird, haben die lustigen Chirurgen in ihrem Ringelrein zu "Strange Overtones", "I Zimbra" und "One Fine Day" schon dutzende Leerkilometer zurückgelegt. Die Bühne wird zum ärztlichen After-Work-Fitnessraum. Kein Zeichen der Müdigkeit.
Einführend zu "Help Me Somebody", einem Song vom legendären Eno/Byrne-Album My Life In The Bush Of Ghosts (1981), erfahren wir von David (denn Vertrauensärzte lassen sich bei ihrem Vornamen nennen) noch, dass die heutzutage als "Samples" bekannten Tonfragmente zu Entstehungszeiten des Albums "found vocals" genannt wurden - wir also jemanden mit einer gewissen Pionierrolle vor uns stehen haben (denken wir hinzu). Nach "Houses In Motion" setzt "My Big Nurse" die Narkosespritze an und lässt "My Big Hands (Fall Through The Cracks)", "Heaven" (Heaven is a place where nothing ever happens), "Home" und "Life Is Long" (letztere zwei vom aktuellen Album Everything That Happens Will Happen Today) an unserem Bewusstsein weitestgehend vorbeifliegen, sieht man einmal von den schmerzlich zum Einsatz kommenden Westerngitarren (einmal gar drei Stück!) ab.
Bevor wir wieder unter den bunten Lichtern der imaginierten Talking Heads erwachen ("Still Waiting"), muss allerdings angeführt werden, dass uns ein Detail nicht entgangen ist: die Intensität, mit der alles hier an unser Ohr dringt, lässt vermuten, dass wir es wie durch einen Narkoseschleier wahrnehmen - der Rhythmus stimmt, die Instrumente werden beherrscht, es gibt keinen Fehler zu bemerken - aber Druck verspürt man so gut wie keinen. Ob das in den Händen unserer Götter in Weiß oder doch eher in denen der Soundtechniker liegt, lässt sich leider nicht so recht eruieren...
Dementsprechend erfährt auch die Freude einen milden Dämpfer, die mit der Songfolge "Born Under Punches", "Once In A Lifetime" und "Life During Wartime", die uns wieder an den guten alten New Wave (mit der Betonung auf Wave, wie am Strand von Malibu) denken lässt, in unseren Körper injiziert wird. Doch da nahen schon die ersten (gedachten) Regenwolken, mit dem düsteren "I Feel My Stuff" das Ende des doch so einlullenden Eingriffs. Ein letztes Aufbäumen beschert noch zwei Zugaben mit dem souligen "Take Me To The River", dem funkigen "And She Was" und den wiederum drucklos und leise wirkenden Hits "Road To Nowhere" und "Burning Down The House". Die optische Choreographie ist inzwischen in weißen Ballerina-Tutus zu bestaunen, man frägt, ob die Operation am Ende dann doch fehlgeschlagen ist und man jetzt im Himmel unter den Englein weilt - doch weit gefehlt: Eingriff gelungen, Patient gerettet, vielen Dank, Herr Doktor, und grüßen Sie mir Ihre Frau!
Und wie es sich für eine gute Behandlung gehört, werden wir mit aufmunternden Worten ("Everything That Happens Will Happen Today") nach Hause entlassen und fühlen uns irgendwie, als wäre eigentlich gar nichts gewesen...
(Foto: Andrew F, NJ)






Kommentare
(meine ungenauigkeit: nicht das konzert an sich war "drucklos", vielmehr die soundabmischung)
ich dachte mir noch, irgendwo stimmt in meiner tracklist was nicht... tatsächlich war's besagter song "the great curve".
freut mich für dich, dass dir nichts fehlte - vielleicht stand ich mal wieder falsch (rechts neben der soundtechnikinsel), jedenfalls hat mein "unbeeinflusster" nebensteher ähnliches am sound zu bemängeln gehabt...
hier online die vollständige setlist:
David Byrne @ Open Air Arena, Vienna
Last Updated by DAVIDBYRNE.COM 2 days ago
11 JULY 2009 [Past]
SET LIST: Strange Overtones, I Zimbra, One Fine Day, Help Me Somebody, Houses in Motion, My Big Nurse, My Big Hands, Heaven, Air, Home, Life is Long, Cross-eyed and Painless, Born Under Punches, Once in a Lifetime, Life During Wartime, I Feel My Stuff
Encores: Take Me to the River, The Great Curve, Road to Nowhere, Burning Down the House, Everything That Happens
Fand das Konzert äußerst druckvoll, stimme dem also nicht zu, aber muss ja auch nicht sein. Was aber auf jeden Fall falsch ist: "And she was" hat man an diesem Abend nicht gehört. Die einzigen beiden Songs, die nicht aus Kollaborationen mit Brian Eno stammten, waren "Road to Nowhere" und "Burning down the House".